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Musikkapelle Bühlerzell
Martin Moll
Immersberg 2
74426 Bühlerzell
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1761 - 1930

Teil 1: 1761 bis 1930

Fast alle Musikkapellen mit einer langen Tradition haben sich aus Kirchenmusiken oder Turmbläsern entwickelt. So ist es auch in Bühlerzell gewesen.

Es ist ungewöhnlich, dass in einer kleinen Kirchengemeinde wie Bühlerzell bei den heiligen Messen auf musikalischem Gebiet so ein Aufwand getrieben wurde, in dem ein Kirchenchor (Kirchensingern) und Musikanten (Kirchenmusikanten oder Cor-Musikanten) so genannte figurierte Ämter gestaltet haben. Vier Dinge haben sicherlich zu dieser Entwicklung und zur finanziellen Unterstützung beigetragen:

  1. Bühlerzell gehörte im 18.Jahrhundert zum Gebiet der Fürstprobsttei Ellwangen. Seit 1593 bis 1773 bestand in Ellwangen (Elvacensis) eine Residenz der Jesuiten. Die Jesuiten unterhielten in Ellwangen von 1658 bis 1773 ein Gymnasium, in dem von den Schülern jährlich mehrere Theateraufführungen für die Ellwanger Bürgerschaft abgehalten wurden. Gerade in der Mitte des 18.Jahrhunderts hatte vor allem Fürstprobst Anton Ignatz Fugger, der von 1756 bis 1787 residiert hat, eine Vorliebe für diese Theateraufführungen und für die "schönen Künste". So hat er z.B. im Jahre 1762 einem auswärtigen Comedianten 8 fl. und "denen Wetzerischen Comedianten" 50 fl. reichen lassen.(Siehe Buch "Ellwangen 764 - 1964" S. 539 u. 540) Diese "Kunstbesessenheit" der Obrigkeit hat sicher ein entsprechendes Klima geschaffen und ihre Auswirkungen bis nach Bühlerzell gehabt.

  2. Die Jesuiten besuchten die zur Fürstprobstei Ellwangen gehörenden Gemeinden immer wieder, um so genannte Volksmissionen abzuhalten. In der Zeit von 1748 und später wird verstärkt von solchen Besuchen berichtet. Sicher haben auch die Jesuiten, die auch die Theateraufführungen am Gymnasium in Ellwangen betrieben, die Feier von Figurierten Ämtern mit Musikanten gefördert.

  3. Pfarrer war von 1751 bis 1762 Carl Ferdinand Rommel, der vorher Professor im Schönenberg-Seminar war. Es ist vorstellbar, dass er vom Schönenberg her Bläsermusik gewohnt war und nun versuchte, auch in Bühlerzell Bläsermusik einzuführen.

  4. Sekretarius Molitor, der in dem Schreiben vom 8.April 1761 und vom 23.Februar 1763 die Auszahlung von 4 fl. an die Bühlerzeller Kirchen-Musicanten anweist, war ein ehemaliger Schüler des Jesuitengymnasiums Ellwangen. Johann Heinrich Molitor war Hofratssekretär von 1756 bis 1774 und hat in den Jahren 1720, 1722 - 1723,1726 - 1727 als Schüler am Theater des Jesuitengymnasiums mehrfach mitgespielt.(siehe "Ellwangen 764 - 1964" s. 548 u. 547 jeweils unten) So ist anzunehmen, dass auch er der Musik zugetan war und deshalb diese neue Art des Musizierens in der Bühlerzeller Kirche durch die Anweisung der 4 fl unterstützte.

Als Instrumente dieser "Tonkünstler" kommen Klarinetten einfacher Bauart (ohne Klappen), Fagotte, Hörner , Zinken und Posaunen in frage.

Die erste Erwähnung über Kirchenmusiker in Bühlerzell findet sich im Beleg Nr. 20 der Oberfischacher Heiligenpflege-Rechnungen von 1760/61, wo unter der Rubrik "Ausgab Geld auf Gratialien" vermerkt ist:
Die Oberamt Thannenburgs Beamte haben in Gleichförmigkeit ihres unterm 28.ten pahsato in Sachen gehorsamst erstatteten gutachtlichen Berichts denen Bühlerzeller Kirchenmusikanten, auf ihr Beschehenes unterthänigstes gesuch, von der Oberfischacher Heyl.Pflegschaft gleichwohlen alljährlich 4 fl (= Gulden) jedoch auf widerrufen, reichen zu lassen, Signatum Ellwangen den 8ten April 1761, "Ex Mandato Regiminis Secretarius Molitor".
Gleich darunter quittiert "Bernhard Spresser Schulmeisters Sohn allta" den Empfang der 4 fl.

Für das Wirtschaftsjahr 1761/62 findet sich kein Eintrag. Nachdem die Auszahlung im Jahre 1761 "jedoch auf widerrufen" gezahlt worden war, hat die Oberfischacher Heiligenpflege wohl versucht, die Sache wieder einschlafen zu lassen.

Daraufhin spricht Bernhard Spresser, Schulmeister in Bühlerzell (und Vorspieler der Kirchenmusikanten), wohl auf der Thannenburg bei Oberamtmann von Knöringen vor und bittet "unterthänigst" um eine Zahlung. Der Wortlaut des Bittgesuches vom 7. Februar 1763, den das Amt Thannenburg an die Fürstprobstei schickt (siehe Beleg Nro. 25):
"Unterthänigst pro Memoria! (Unterthänigst zur Erinnerung)
Bernhard Spresser Schulmeister von Bühlerzell stellet unterthänigst vor, wie er sich alle erdenkliche Mühe gebe den Gottesdienst daßiger Kirchen an Sonn und Feyertagen mit einer aufzuführenden Musique in so Besseres Ansehen zuerhalten, Hiebey aber ieder weylen der Abmangel der Musicanten erscheine weylen selbe keine Belohnung davon zu gewärtigen hätten. Und wie nun gleichwohlen von dem dasigen Pfarrer selbsten gewunschen werde, Hierunter so mehreres seine Ordnung zu erziehlen, Als die Pfarrey Bühlerzell um und um mit Lauter Lutheranern umgeben seye, Die Mittel der Kirchen aber an und vor sich selbsten zu so etwas gar nicht hinreichend wären. Also wolle Er unterthänigst Bitten, daß doch von der Oberfischacher Heyl. Pflegschaft so viel hiezu herfließend gemacht werden möchte, womit denen 6 Nöthigsten Musicanten eine Erkantlichkeit jährlich zugeeignet werden könnte. Zu gnädigster Erhör".

Im Brief zu diesem Bittgesuch (Unterer Teil der Resolution vom 23. Februar 1763 Nro. 25) schreibt der Oberamtmann der Thannenburg von Knöringen am 7. Februar 1763 folgendes:
" Der Inhalt Oberfischacher Heyl: Rechnung 1760/61 und deßen gehorsamst Eingereichter Beylag Nro. 20 denen Kirchen Musicanten zu Bühlerzell Jährl. 4 fl revocabiliter (widerrufbar) bey Oberfischach gnädigst angewiesen worden; Also wäre man der gehorsamst unmaßgebl. Meinung, daß dieße 4 fl selben abermahl verabfolgt, mit einem weitheren Antrag aber Sie Musicanten gnädigst abgewiesen werden möchten. Cum Remisione Communicati mit unterthänigstem Respect beharrende".

In einer Resolution vom 23.Februar 1763 antwortet die Fürstprobstei über ihren Sekretär Molitor kurz und bündig:
"Nach Oberamtlichen Gutachten ist denen Supplicanten Von der Oberfischacher Heyl. Pflegschaft das ehedorige wiederum mit 4 fl reichen zu laßen!"

Dies war die klare Anweisung die 4 fl künftig immer auszubezahlen, was nun auch regelmäßig bis zum Jahre 1777/78 "revocabiliter" (= widerrufbar) bezahlt wurde. Ab 1778/79 trat eine Verbesserung ein, da von nun an die Zahlungen der 4 fl als "gratiale" (= laufende Zahlungen) bis zur Säkularisation im Jahre 1802 erfolgte.

Auf dem Beleg Nro. 21 vom 24. Dezember 1763 sind erstmals auch die Namen von vier Musikanten aufgeführt, nämlich Frantz Schrömsinger, Franzanton Meininggus, Barbara Gererünger und Bernhard Sprösser, Schulmeister alta.
Auf dem Beleg Nro.14 vom 7. Juli 1776 sind noch einmal Unterschriften von Musikanten vorhanden, nämlich Bernhard Spresser Schulmeister allda, Franz Josef Schremsinger, Barbara Schwarzin und Rosina Boyin. Bei Frauen wurde dem Familiennamen immer die Endung "in" angehängt, so dass die Frauen Schwarz und Boy hießen. Rosina Boy ist auch im Jahre 1789/90 als Abholerin des Geldes vermerkt, so dass sie sicher auch damals noch aktiv mitspielte.

Die Belege wurden im Lauf der Jahre von Bernhard Sprösser, Leonhard Sprösser (wahrscheinlich Sohn von Bernhard), Pfarrer Erhard, Pfarrer Högg, und von 1797/98 an von Lehrer Sebastian Bundschuh quittiert.
Bernhard Sprösser hat laut Ortschronik von Bühlerzell (Seite 163) das Lehreramt an seinen Sohn Josef weitergegeben. Am 12. März 1798 übergab die Probstei Ellwangen diese Schulstelle der Schwester des Josef Sprösser, Veronika Sprösser, die sich allerdings schon am 18. Juni desselben Jahres mit Sebastian Bundschuh von Waldstetten verehelichte. Sebastian Bundschuh war also der Schwiegersohn von dem langjährigen Vorspieler Bernhard Sprösser und spielte wohl auch bei den Bühlerzeller Kirchenmusikanten mit, denn ab dem Jahre 1797/98 wurden die Belege bis zum Jahre 1802/1803 von Sebastian Bundschuh unterschrieben.

1795 kam ein neuer Spielmann in die Gemeinde.Michael Deish aus Schächingen spielte bereits nach kurzer Zeit als Vorspieler auf. Vorspieler war der, der die Stücke einübte (vorspielte), also ein Vorläufer der heutigen Dirigenten.

Leider hörten mit der Säkularisation die Zahlungen und auch die Aufzeichnungen in den Oberfischacher Heiligen-Rechnungen auf. Doch auch im 19. Jahrhundert wurde in Bühlerzell musiziert. Namentlich bekannt sind die Spielleute Hans Harsch ("Wängershans"), Christian Forster - von Beruf Chirurg und Geburtshelfer-, Michael Hirschmann, Ernst Hofmann und Johannes Küfer. Sie speilten vorwiegend zur Hochzeit oder Kirchweih vom Nachmittag bis in den frühen Morgen um 4 bis 5 Goldmark pro Spielmann. Ansonsten wurde auch um Trinkgeld gespielt, das mit einem Schöpflöffel aus Holz eingesammelt wurde. Um das Jahr 1870 gingen die Bühlerzeller Spielleute, sechs an der Zahl, unter der Leitung des Vorspielers Hans Harsch zu einem Kirchweih- und Weinfest in die Heilbronner Gegend. Während 5 Musikanten unmittelbar nach dem Weinfest heimkehrten, kam der sechste Musikant erst eine Woche später zurück. Bis in die ersten Jahre dieses Jahrhunderts hinein ließ der "Wängershans" (Hans Harsch) allen voran bei Hochzeitsfeiern immer wieder seinen Bass erschallen.

Als sich das politische und wirtschaftliche Leben nach dem ersten Weltkrieg wieder normalisiert hatte machten sich Alois Weikel jun. und Wilhelm Deiß daran, wieder eine Musikkapelle aufzustellen. Vater Deiß unterstützte sie dabei und stellte seine Schreinerwerkstatt (Geifertshoferstr. 16) für die Musikproben zur Verfügung. Bald gesellten sich fünf weitere musikbegeisterte junge Männer dazu. Es waren dies: Robert Hofer, Alois Nikel, Albert Deiß Anton Köhler und Heinrich Beißwenger. Schwierigkeiten bereitete die Beschaffung der Musikinstrumente. In der Zeit nach der Inflation waren derartige Ausgaben keine Kleinigkeit. In Kottspiel spürten sie ein Tenorhorn auf, das ihnen Bernhard Schneider zum Preis von 15 RM überließ. Dieser vielbelachte Schwanenhals wurde dem jungen Albert Deiß anvertraut. Die übrigen Musikanten kauften sich aus eigener Tasche 3 B-Trompeten und 2 Flügelhörner, sowie einen Es-Bass -es könnte der "Bombardon" vom alten Wängershans gewesen sein.

Der hoffnungsvolle Neuanfang war gemacht, aber das Wichtigste, ein Dirigent, fehlte. In Bühlerzell gab es keine geeignete Person und der Hirschmannsmichel von Stöcken, ein alter Hochzeitsmusiker, lehnte ab. Der Dirigent der Nachbargemeinde Bühlertann, Herr Josef Boy sen. erklärte sich bereit, die Ausbildung der jungen Musiker zu übernehmen unter der Voraussetzung, seiner Kapelle beizutreten. Die Bühlerzeller wollten aber ihre Selbständigkeit bewahren und lehnten das Angebot ab. Sie mussten sich also selbst helfen und taten dies so gut es eben ging. Zwei der jungen Musiker hatten schon Musikunterricht gehabt, Heinrich Beißwenger im Geigen und Robert Hofer im Klavierspiel. Sie konnten ihren Kameraden schon ein bisschen das Notenlesen erklären. Dazu kam noch, daß Wilhelm Deiß in Crailsheim zur Arbeit ging. Bei Stadtmusikus Glück nahm er die Woche über Musikunterricht. Das Gelernte gab er am Samstag und Sonntag daheim an seine Kameraden weiter. Er war somit der erste Dirigent der jungen Kapelle. Auch Robert Hofer eignete sich im Laufe der Zeit Musikkenntnisse an, die ihn befähigten, den Dirigentenstab zu führen. So konnten sich die Beiden, wenn es notwendig war, ihre Aufgabe teilen. Langsam ging es aufwärts und so erklang jetzt an so manchem Abend ein einfaches Volkslied oder ein leichteres Musikstück vom Mühlrain ins Dorf herüber. Bald war es soweit, dass die jungen Musiker ihr Können öffentlich beweisen konnten.

Das letzte Bühlerzeller Radfest 1925 (es bestand damals in Bühlerzell der Radfahrverein "Pfeil") bot die erste Gelegenheit in einem Festzug zu spielen. Bei Hochzeiten und nach Theateraufführungen des Gesangvereines spielten sie Tanzmusik. Es fanden sich auch Gönner in der Gemeinde, die der immer leeren Vereinskasse manche Mark zukommen ließen. Besonders erwähnt seien hier Georg Kiesel sen. vom Spatzenhof sowie zwei alte Sänger, Albert Köder und Johannes Hofer. Das Jahr 1927 brachte einen neuen Aufschwung. Die wachsende Gunst der Bevölkerung und die Initiative des Bürgermeisters Bolsinger, anlässlich einer Feier im Kellerwald, brachten der kleinen Kapelle neuen Zuwachs ein. Es waren dies: Josef Wagner, Wilhelm Wagner, Josef Boy, Theodor Deiß, August Mai, Josef Köder, alle aus Bühlerzell, Robert Balle, Anton Hummel, Josef Hummel von Heilberg und die Brüder Georg und Hans Seuferlein aus Trögelsberg (damals Gemeinde Geifertshofen). Für den Kauf der fehlenden Musikinstrumente wurde ein Darlehen bei der Spar- und Darlehenskasse Bühlerzell beschafft, für welches ein Gönner noch Bürgschaft leistete. Alle Mühe gab sich Robert Hofer als damaliger Dirigent, nachdem Wilhelm Deiß in die Fremde gezogen war. Die verstärkte und verbesserte Kapelle spielte bei Hochzeiten, Gedenkfeiern und besonderen Anlässen und trat des öfteren auch außerhalb der Gemeinde auf, so z.B. in Schlechtbach bei Schwäbisch Gmünd. Ein Mädchen unserer Gemeinde hatte dort Hochzeit und sieben Musikanten fuhren per Fahrrad dorthin, um zum Tanze aufzuspielen. Die Schlechtbacher Hochzeitsgäste waren begeistert von dem Spiel. Musiker haben meist trockene Kehlen und sind nicht gerade Schwächlinge im Trinken, doch in Schlechtbach konnten die Bühlerzeller Musikanten das aufgetischte Bier einfach nicht mehr verkraften und heute noch haben sie dort einige Stein Bier gut.


 
 
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